Peter

Mit dem eigenen Willen "die Kurve kriegen"

Peter hat eine Krankheit, wie er selbst zugibt. Er ist Alkoholiker aus Angst. Zumindest war sie sein ständiger, dominanter Begleiter in seinem bisherigen Leben. Angst vor anderen, Angst vor dem Alltäglichen, Angst vor Problemen. Im Alkohol fand er die vermeintliche Lösung - und kassierte schließlich den Absturz. Die Ehe kaputt, die Kinder bei der Ex-Frau - und schließlich ein Selbstmordversuch, jener Wendepunkt für Peter, mit dem er beginnt, die "Kurve zu kriegen". Aus eigenem Willen und mit tatkräftiger Unterstützung. Gelassener und mutiger ist er geworden, wenngleich er seine Angst nie vergessen wird. Der Perspektivenwechsel ist entscheidend: "Augen zu und durch!"

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Der Schleier seiner Alkoholsucht hat sich gehoben, er sieht wieder klar. Heute spielt Peter auf einer echten Gitarre und lernt kochen. Glücklich ist er nicht, aber zufrieden.

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Eigentlich will Peter nichts aus seiner Vergangenheit erzählen. Und er tut es doch, indem er erzählt, wie er mit seiner Alkoholsucht und seinen Ängsten lebt.

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OK, das Band läuft.
Sammeln wir uns kurz. Ja, mein Name ist Peter, in bin 50 Jahre alt – oder werde 50. (Pause) ... das ist blöde, also, ich, ich... ich sage: Ich bin 50 Jahre alt, ich bin der Peter, ich bin alkoholkrank

Ich find’s gut Herr XXX, dass Sie bereit sind, das Interview zu machen, den Film zu machen und so...
..das klingt so gestellt, das liegt mir nicht so

Ja, wir kommen da schon ins Gespräch, vielleicht können Sie einfach mal so erzählen, wie sieht Ihre Lebenssituation heute aus, was hat sich in den letzten zwei, drei Jahren entwickelt, so’n bisschen, diese Geschichten.
Genau. Ja, zu meinem Krankheitsbild Alkoholiker, oder alkoholkrank: seit 2007 trinke ich nicht mehr, keinen Tropfen, und seit 2010 bin ich wieder an der Arbeit, erst in einem Café, hab ich gearbeitet, war 'ne Maßnahme des Job-Centers. Und dann hab ich ein Praktikum gemacht bei [...] und bin dann seit 2011 bei [...] .

Haben Sie das gelernt, haben Sie da 'ne Ausbildung gemacht?
Nee, Koch ist eigentlich 'n Hobby von mir. Oder sagen wir mal Küchenarbeit. Gelernt hab ich auf dem Bau, Zimmermann, ja, und, äh....

Wie kam das, dass Sie dann nicht mehr auf dem Bau arbeiten
Ja, das kam durch den... entlassen wurde ich 2001. Das war betrieblich bedingt. Hat jetzt nichts mit meiner Krankheit zu tun. Aber danach ging es damals rapide bergab. Und denn auch beim Job-Center musste ich mal zu einer Untersuchung, ärztlichen Untersuchung und bei der Untersuchung wurde festgestellt, dass ich körperlich nicht mehr auf dem Bau arbeiten sollte, und dann musste ich mir halt 'ne Alternative überlegen. Und da ich gerne koche und kochen sozusagen mein Hobby geworden ist, hab ich gedacht, ich wird mich in dem Bereich umschauen. Ja, und dann hab ich es angefangen über Albatros, über einen Betreuer erstmal mich umzuschauen. Ich hab dann 'nen Lehrgang gemacht, Bioprodukte und kochen im sozialen Bereich

So hieß der Lehrgang?
So hieß der Lehrgang. Was halt ne Mischung, Bioprodukte und halt kochen im sozialen Bereich. Ja und danach hab ich dann gleich im Café angefangen. Das hat mir Riesenspaß gemacht und ich hab gemerkt, dass ist jetzt meine Sache. Das möcht’ ich gern machen, hatte da auch wieder die ersten sozialen Kontakte, die ja vorher abgebrochen waren durch die Krankheit; also ich war sehr viel alleine. Eigentlich nur alleine. Die wenigen Verwandten, die ich noch hatte, die mussten alle arbeiten oder haben außerhalb von Berlin gewohnt. Ja, und dann hab ich gemerkt, dass mir das auch gut tut. Ja? Die ersten Tage waren natürlich – ja, hab eben Angst gehabt.

Wovor hatten Sie Angst?
Ja, vor diesen sozialen Kontakten. Vor den anderen Menschen, dass die Situationen, die neu sind, weil, so.... Aber von Tag zu Tag wurde es besser, hat mir richtig Spaß gemacht, bin ich richtig aufgeblüht, das war nachher schon mein Café, und so hab ich denn meinen Weg weiter... bin ich meinen Weg weiter gegangen; dann hab ich bei [...] angefangen, ja, und da macht es mir auch Riesenspaß und hatt ich mich richtig ausleben, nicht nur in meinem Hobby, sondern überhaupt so auch, ne. Was eben, jeden Tag unter Menschen, das macht eben Riesenspaß.

Und so unter Menschen zu sein ist nicht so mehr die Herausforderung, wie es früher so war?
Na ja, früher waren meine Probleme, die ich ja dann versucht hab mit dem Alkohol zu besiegen, oder zu verdrängen, oder zu bekämpfen, wie auch immer, waren ja so – ungewohnte Situationen. Ämter, ja auch neue Situationen; ich konnte zum Beispiel nicht in 'ne Gaststätte gehen. Vor andern Leuten essen. Oder mich zu treffen mit jemandem. Es sei denn, ich war alkoholisiert, dann ging es relativ gut. Und das wird denn natürlich dadurch besser, wo ich dann in dem Café gearbeitet habe; da hab ich ja im Café gearbeitet; jetzt konnt ich ja nicht mehr sagen, ich kann nicht in ein Café gehen, oder mal was essen gehen, ich trau mich nicht, das konnt ich auch vorher nicht sagen, konnt ich keinem sagen, dass ich davor Angst habe. Musste das versteckt halten. Musste mich immer verstecken. Und da war natürlich der Alkohol erstmal ein guter Helfer. Hat einen locker gemacht, man ist halt entspannter zu der Sache hingegangen, ja; das wurd' halt immer mehr, bei jeder Situation hat sich das Gehirn halt abgespeichert, ah, trinkste was und schon biste auf der sicheren Seite und es klappt alles ganz gut; hat ja auch nie jemand was gesagt, ne?

Das heißt, Sie sind nie auffällig geworden? Dass Sie betrunken waren...
Nein. Na, ja, so war es ja zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das war immer 'ne kleine Menge, die ich getrunken hab, zum Beispiel wenn ich in ein Restaurant gegangen bin, zu einer Feier eingeladen. Ich brauchte ja nichts zu bezahlen, ich brauchte mich bloß hinsetzen und einen schönen Tag haben. Das war für mich so viel Stress, dass ich vorher ein bisschen Alkohol getrunken habe, nicht viel, dass ich dann ruhig war, dann konnt ich da noch mal 'n Bier sozusagen hinterher trinken und bin dann sofort umgestiegen auf Cola, um nicht den Eindruck zu erwecken, Oh, der trinkt ja! Dadurch... also man konnte es ganz gut verstecken, weil ich auch teilweise glaube, dass die Leute einen auch nicht gerne drauf ansprechen, vielleicht. Dann man war ja denn auf einmal total lustig, und so offen so und ... jaaa, nicht mehr gehemmt irgendwie und dementsprechend denk ich mal, dass die Leute schon finden, der ist ja auf einmal ganz anders, wie das?

Hatten Sie ein Problembewusstsein damals schon? Zu dem Zeitpunkt?
Also, dass ich wusste, ob das falsch ist?

Das Sie schon so wussten, das ist nicht in Ordnung, mich mit Alkohol so locker zu machen?
Das wusste ich auf jeden Fall. Also, wer so’ne Probleme mit Alkohol wegtrinken will, der weiß auch, dass das eigentlich falsch ist. Ich wusste es immer, dass das nicht richtig ist. Man hat natürlich immer den Eindruck, dass man die Sache im Griff hat. Heut trink ich mal einen, jaa, morgen brauch ich ja keinen trinken – aber so ist es ja nicht. Dann kommt ja noch das Privatbier, so, wenn man jetzt von 'ner Baustelle nach Hause gekommen ist und am Feierabend Bier trinkt, das zählt man ja offiziell schon gar nicht mehr mit. Was ein großer Fehler ist. Und in diesen Situationen war es immer ne relativ kleine Menge, die erstmal ausgereicht hat und dann hab ich mich immer sicher gefühlt und habe mir das abgespeichert als kleinen Nothelfer. Und den braucht’ dann nachher immer, bei jeder Situation, dann kamen natürlich oft auch immer mehr Situationen zusammen, das hieß: immer mehr trinken, immer öfter trinken. Dann fing der ... kam der Zeitpunkt wo dann der kleine Schnaps nicht mehr gereicht hat, da mussten es halt zwei sein. Aber ich wusste immer, dass das falsch ist. Ich hab’s auch versucht zu verstecken, mit Pfefferminzbonbons, hab immer die leeren Flaschen, oder Fläschchen – damals waren es ja noch Fläschchen – verschwinden lassen, versteckt; und wenn mich einer irgendwo aufg... Du bist ja so komisch oder, hab ich eine Ausrede gefunden.

Hat Sie jemals jemand drauf angesprochen?
Nicht wirklich.

Peter, Du trinkst zu viel?
Nein. Also, sagen wir mal so, meine Ex-Frau hat natürlich öfters gesagt, trink mal bisschen weniger Bier, die hat es ja nun gesehen, was ich am Tag trinke oder jetzt am Feierabend oder direkt nicht. Also sie war sogar manchmal ganz froh, wo sie mal ein Fläschchen bei mir gefunden hat in der Tasche, das noch zu war. „Was denn, oh, Du hast ja heut gar nichts getrunken“, aber sie wusste ja nicht, dass ich zwei Flaschen bei hatte. Und das ist schon irgendwo – also man weiß, dass es falsch ist. Aber das ist eben in dieser Situation so’n Helfer, man sagt, dann, das nächste Mal mach ist’s nicht mehr; und man ist auch sehr enttäuscht. Es gab Situationen, wo ich zum Job-Center hinmusste, natürlich war ich da immer aufgeregt, weil die ja in meinen Augen was von mir wollen und weil, - nichts Gutes, halt; ja, und dann bin ich da angetrunken könnte man schon sagen hingegangen, und dann musste ich bloß was abgeben, das war ne ganz einfache Situation und hinterher hab ich mich geärgert, da hätt’ste ja gar nichts trinken brauchen. Aber ich denke mal, wenn ich nichts getrunken hätte, hätte ich auch diese einfache Situation nachher nicht mehr gemeistert. Weil in dieser Schlange anstehen, man weiß ja nicht, was auf einen zukommt, nur abgeben? Muss man noch was ausfüllen? Muss man sich da rechtfertigen? Und so weiter und so fort. Das war schon.. denn.. nicht so meine Sache. Und da war der Alkohol eigentlich 'n ganz guter Helfer. Bis es dann eben immer extremer wurde. Und sich dann auch wirklich ne körperliche Abhängigkeit eingestellt hat.

Woran haben Sie das gemerkt?
Das hab ich einfach daran gemerkt, dass ich dann irgendwie morgens... ja, mir ging’s einfach schlecht! Und dann hab ich einen ganz kleinen Schnaps – das war auch wieder nicht zum Anfang, getrunken, und dann gings mir ne ganze Weile wieder besser, den Tag über. Ich war ja alleine zu Hause, das war ja keine Situation, wo ich jetzt irgendwie unter Stress stand. Und dann kam wieder die leichte Übelkeit, und so schon so Entzugserscheinungen, ganz leichte, und dann trinkt man wieder was, und dann wieder was, und dann – ja, und dann wird immer mehr draus. Kam dann eben dann bis zu 'ner Flasche. Ganze Flasche Schnaps am Tag. Weiß ich jetzt nicht genau, weil ich nie wirklich eine wirklich ausgetrunken hab, immer mehrere angefangen hatte, hab ja auch nie in meinem Leben wirklich viel vertragen, Alkohol, also daher kann’s schon... aber trotzdem, wie dem auch sei, 's wird dann eben immer schlimmer. Dann war eigentlich ohne Alkohol gar nichts mehr zu machen. Hieß auch: einkaufen – vorher was trinken, man musste ja an der Kasse bezahlen, könnten ja was merken, oder; auch dann... zitternde Hände hatt ich zwar schon immer, blutdruckbedingt, aber: was denken die denn über mich, und dann hat man eben ein' getrunken und dann hinspaziert, war glücklich eigentlich und war freundlich, lustig.

War es da so, dass Sie den Tag schon mit Alkohol begonnen haben?
Jetzt zum Schluss, ja. Das war aber einfach...... ich konnte nachher schon fast die Zeit messen. Bin manchmal aufgewacht in der Nacht, musste 'n kleinen Schluck nehmen, damit ich weiter schlafen kann und dann morgens aufgewacht und dann war’n schon wieder die Entzugserscheinungen, diese leichten da, und dann hat man wieder was getrunken und denn ... hab ich auch gemerkt, dass es ganz gut hilft. Früher hab ich dann ja, wenn ich dann mal bei 'ner Feier sagen wir mal mehr getrunken hab als man trinken sollte, da hab ich am nächsten Tag nichts getrunken. Da war mir schlecht. Hab auch nicht verstanden, dass dann jemand noch mal was trinken kann. Da hab ich dann diesen Tag gebraucht für mich, um wieder auf die Reihe zu kommen und hab mir geschworen, ah, also so viel trinkste nicht noch mal. Aber das ist dann schnell vergessen. Bei der nächsten Feier hast Du es wieder vergessen und hatte damals sehr viele Feierlichkeiten mit Alkohol. Ist mir eigentlich selten gelungen, mal 'ne Feier ohne Alkohol. Wenn ich da mit Auto da war, mal nichts getrunken hab, dann hat man eigentlich erstmal gemerkt, wie die Leute unter Alkohol sind. Die kamen sich super lustig vor, kamen sich schön vor, stark und man hat dann gedacht – ah, manchmal denk ich, nur wieder weg. Man hat dann an seinem Wasser da gesessen und war froh, dass man wieder wegkommt. Eigentlich war man selber auch so. Das hätte man schon Erkenntnis hätte man sagen können: Oh!

Was war der Wendepunkt?
Ja, der Wendepunkt war eigentlich 2007. Ich hatte mehrere... also ich war ja auch in der Klinik, Entzugsklink, also hab mich entgiften lassen, war da 14 Tage, bin wieder nach Hause, hab gedacht, jetzt trinkste nicht mehr, das musste Dir nicht mehr antun, aber dann war'n die Probleme wieder da. Und 2007 hatte ich 'n kalten Entzug selber gemacht, und der war so schlimm --- geht so nicht mehr weiter. War’n ja auch noch andere Vorfälle vorher Selbstmordversuche und desgleichen, aber das war dann wirklich der Punkt, da ging es nicht mehr. Und dann sollte meine Wohnung rekonstruiert

werden und da kam dann jemand vorbei, der hat mich dann ich diesem Zustand da angetroffen, und sich dann anschließend bisschen um mich gekümmert. Hatte dann so ne Art Betreuer, aber eigentlich auf freiwilliger Basis. Hätte auch sagen, das brauch ich nicht, aber das is ganz gut. Da wurden dann so Behördengänge erledigt, ich musste nicht mehr alleine gehen, es kam jemand mit, der für mich reden konnte, der das erklären konnte.

Wie sind Sie an den rangekommen? Oder wie hat der Sie gefunden?
Eigentlich über die Wohnungsbaugesellschaft. Weil, die wollten nämlich gerne, dass jemand mal mit mir spricht, dass ich für ne bestimmte Zeit ausziehe, damit die diese Rekonstruktion da machen können. Bin da zwar nicht ausgezogen, hab meine Möbel drin gelassen, aber war so zusammengestellt, dass die ihre Arbeiten erledigen konnten. Hab derweil bei meiner Mutter gewohnt, und..

Die haben reagiert, haben gedacht, da ist einer, der braucht ein bisschen Hilfe
Ja. Die war’n mal bei mir, haben mich mal besucht, und der Schnaps stand zwar nicht auf dem Tisch, aber die werden wohl schon gesehen haben. Da hab ich auch gerne diskutiert, da – ja, warum denn? und Sie können ja trotzdem hier rumliegen und Sie können ja trotzdem hier arbeiten, da haben sie – und dann wurde eigentlich... hatte ich sowieso schon nichts mehr zu trinken, so oder so ... und .. dann wurde mir eben geholfen bei diesem, das war sehr wichtig. Dass immer jemand bei is, der erstmal einen bei der Hand nimmt. Mir wurde aber von vornherein gesagt, irgendwann muss ich es alleine machen. Und ich wusste, ich muss es alles neu lernen. Selber hingehen zu den Behörden, zu anderen Dingen...

Und zu dem Zeitpunkt haben Sie schon alleine gewohnt?
Ja, da hab ich schon...

Da war Ihre Ehe schon gescheitert?
Da hab ich schon zwei Jahre alleine gewohnt. Ja. Und dann wurde es eigentlich immer besser. Die erste Zeit, ja, war schon schwer, aber man ... in dem Augenblick, wo man wusste, man hat Hilfe. Man findet 'n Brief vom Amt, man muss sich da anmelden, dies und das machen, dass man da einen Ansprechpartner hatte, der im Notfall für einen telefoniert hat, der, ja, eigentlich einem die Arbeit wieder abgenommen hat, die man eigentlich früher auch gern weitergeleitet hat, an die Ehefrau oder eine andere Person. Aber man wusste auch, dass man es irgendwann alleine machen muss und das ... Manchmal hat es auch gereicht, dass die einfach mitgekommen sind. Wenn man dann zum Beispiel beim Job-Center war, die waren ja eigentlich immer freundlich zu mir, war ja nicht so, dass die mir was getan haben. Muss ich jetzt auch mal sagen. Aber diese Vorstellung, die man so hat, Da saß denn eben jemand neben bei, und hat gar nichts gesagt, und man hat dann eben gesagt, was man wollte, und hat dann eingegriffen, wenn vielleicht was nicht richtig war, oder so. Und dann bin ich irgendwann alleine zum Job-Center hingegangen. Hatte ich meine Termine da, bin ich hin, und so hat sich das ganz langsam entwickelt.

Da waren Sie schon trocken?
Da war ich trocken, ja. Früher bin ich auch alleine hingegangen, aber da... nicht. Das war garantiert auch für die Leute da nicht immer lustig. Also ich war da jetzt nicht aggressiv oder so aber die merken ja, wenn einer reinkommt und da, ja, vor sich hin, dämmert...

Wie haben Sie es geschafft, trocken zu werden? Wie lief das genau ab? Es ist ja nicht damit getan, mal in die Klinik zur Entgiftung...
Na die hab ich ja selber gemacht, zu Hause. Ja, nachdem das so schlimm war, zu Hause. Also man kann sich das ... wer das noch nicht durch hat, nicht vorstellen. Man hat überall, also wirklich jede... wirklich, alle Körperstellen schmerzen. Der Körper ist, als wenn so kleine Nadeln auf einen einstechen, überall. Dann ist einem schlecht. Ich konnte mehrere Tage nichts trinken. Wenn ich was getrunken habe – hab’s gleich wieder raus. Glaube, da war die Niere auch schon in Gefahr, dann; also, am Verdursten zu sein, halt. Man hat zwar Durst gehabt, aber blieb ja nichts drinne. Kam ja nur noch Flüssigkeit. Und dann, wie gesagt, dann, ja, ist mir nicht wirklich was eingefallen, also, wie sag ich, ich hätte kein Problem gehabt, mich in dem Augenblick zu töten, oder so, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, also ne Waffe gehabt hätte, hätt’s wahrscheinlich einmal geknallt. Man hat ja in dem Augenblick auch nicht dran gedacht, dass irgendjemand einem hilft. Oder dass man irgendwie [...] hat. Einem geht’s bloß richtig übel.

Aber Sie haben durchgehalten?
Ja. Durchgehalten... und hab dann gemerkt, wenn so das erste wieder drinne bleibt, im Körper, so erste Flüssigkeit, also dass man trinkt und dann, dass so’n bisschen Appetit kommt, dass man was isst, und das alles drinne bleibt, dann ist man eigentlich übern Berg. Dann kann auch nichts mehr passieren, irgendwie das man krampft, oder so. Ja und dann kam halt diese Hilfe halt, in diesem Moment, die hat mich so angetroffen, da sah ich sicher nicht schön aus. Hab mich auch nicht schön gefühlt. Aber vielleicht war es auch ganz gut so, dass die gleich mal gesehen haben. Ja, und dann wurde mir geholfen und dann konnt ich dann immer hin, und da bin ich jede Woche einmal hin, hat man 'n Termin gehabt; oder wenn Post war, bin ich da einfach hin, hab gesagt: hier, Brief, schaun Sie mal rüber, hat.. wurde irgendwo angerufen, ja – wie auch immer. Also, hab mich auch wieder an meinen Briefkasten rangetraut, weil, ich konnte ja alles weiter reichen, erstmal. Und das hat mir sehr geholfen. Weil alleine wär ich garantiert überfordert gewesen. Ja und dann wurde es immer besser. Dann hat man sich nachher auch der... hab ja auch nicht diesen Druck gehabt jetzt – viele haben ja dann ... laufen an ner Schnaps- oder Bierflasche vorbei und denken dann, oh, lecker,... das hatt ich ja gar nicht. Eigentlich wusst ich auch, was mir das angetan hat. Hat meine Ehe zerstört und mein voriges Leben im Prinzip und hätte mich beinah umgebracht, und hätte mich langfristig sowieso umgebracht. Na und dann... ja, wie gesagt, ganz kleine Schritte gemacht. Zur Psychotherapie. Ja, das Job-Center hat mich da, muss ich noch mal sagen, hat mich sehr unterstützt:

Ja, machen Sie erstmal in Ruhe, machen Sie erstmal das und so... so und dann konnt ich so ganz langsam aufbauen, dann wird es... ja, dann ist man irgendwann auch stolz drauf, dass man dann neun Monate, ein Jahr nichts getrunken, also, das will man sich dann auch nicht kaputt machen. Meine Mutter hat mir ja auch sehr geholfen, also meine Familie, meine Mutter ist dann eben schwer krank geworden, Parkinson-Erkrankung und dann konnt ich ihr bisschen helfen. Und die hat sich ja im Prinzip auch für mich aufgeopfert; wär auch nicht schön gewesen, zu sehen, wie der Sohn den Bach runtergeht. Oder sich irgendwo aufhängt oder ähnliches. Und dementsprechend hab ich mir dann gedacht, machst es jetzt einfach für Deine Mutter. Die ist ja nun tot, und würde mich jetzt echt schämen, jetzt wieder zu trinken.

Gab es Rückfälle?
Nein.

Gibt es Verführungen?
Also für mich nicht. Ganz im Gegenteil. Mich ekelt Alkohol, wenn ich das ganz ehrlich sagen darf, auch an. Also, ich hab nichts dagegen, wenn bei 'ner Feier – jeder muss ja selber für sich entscheiden, was er macht. Aber ich mach das nicht so. Weil ich ja weiß, was das mit mir gemacht hat, und was das kaputt gemacht hat. Das macht ja nicht nur die Gesundheit kaputt, oder führt ja gerade die sozialen Sachen: man verliert Freunde – ich hatte Freunde über dreißig Jahre, die haben sich abgewandt. Wobei die auch getrunken haben, aber is ihre Sache. Und dementsprechend muss jeder das selber wissen. Wenn ich natürlich merke, dass zu viel getrunken wird, dann muss ich eben gehen. Wenn die Leute dann aggressiv werden, oder... Auch sonst muss, meiner Meinung nach, jeder selber entscheiden. Ich kann bloß jedem abraten.

Wie ist das beim Einkaufen?
Da hab ich gar kein Problem mit.

Sie können an dem Alkohol-Regal einfach vorbei gehen.
Da muss ich immer vorbei gehen, wenn ich meine Getränke hole. Meine alkoholfreien Getränke, natürlich. Ja, da hab ich gar kein Problem mit. Seh das Zeug da stehen, ich will es nicht mehr... Ich ess ja auch keinen Käse. Und da geh ich an der Käse-Theke vorbei und ... interessiert mich nicht. Kann zwar auch nicht verstehen, wie andere Leute Käse essen, aber dementsprechend geh ich eben vorbei. Und so ist es mit Alkohol. Und ich will es mir auch selber nicht kaputt machen.

Achten Sie auf Ihre Ernährung? Also auch im Sinne von: es gibt ja den versteckten Alkohol in allem Möglichen. Ist das für Sie relevant, spielt das 'ne Rolle? Oder gar nicht?
Also, ich würde jetzt keine Pralinés essen, wo es offiziell drauf steht. Wenn ich’s jetzt aber nicht weiß, denk ich mal, würde mir das auch nicht wirklich was ausmachen, weil ich einfach davon denke, das sind Kopf-Sachen, also, dass man einfach .. ja, dieses Feierabend-Bierchen ... man muss sich wirklich mal überlegen, braucht man das wirklich, dieses Feierabend-Bierchen? Kann man da nicht 'n schönen Tee, 'n Kaffee trinken, 'ne Limonade oder einfach nur Wasser? Das ist dann so, so ... es ist dann vielleicht noch keine Abhängigkeit, aber so im Kopf drinne: Jetzt ist Feierabend, jetzt muss ich mein Bier trinken. Warum? Und wenn ich damals, wo ich noch Auto gefahren bin, da konnt ich ja auch nicht, einfach wenn ich nach Hause gekommen bin, 'n Bier trinken. Musst ich ja auch warten. Ja, und dementsprechend hat sich das alles entwickelt. Ich muss auch zugeben, ich trink natürlich jetzt mehr Kaffee als früher.

Haben Sie Ihre Ernährung verändert?
Ja... jetzt, die Ernährung nicht wirklich. Weil, wenn man Koch ist, denk ich mal, dann muss man eigentlich alles essen. Man nascht. Ist leider 'n bisschen verführerisch – auch da weiß ich, dass es nicht gut ist, aber denk ich immer, dass es noch nicht so kritisch ist.

Wie sieht heute so‘n typischer Tag aus? Für Sie?
Typischer Tag ist für mich 'n Tagesablauf in der Woche, dass ich so kurz nach drei, spätestens halb vier aufstehe, dann wird 'n Kaffee getrunken, Internet angemacht kurz, Wetter geschaut, im Internet bisschen Musik und, was einem in der Nacht so durch den Kopf gegangen ist noch mal.. dann wird rasiert, bisschen gewaschen – manchmal bade ich sogar morgens noch, ich hab ja Zeit, ich mach das ganz entspannt, ganz ruhig. Dann nehm ich meine Gitarre noch, versuch, ganz leise zu spielen; weil, das geht mir nicht aus dem Kopf raus dann, na und irgendwann geh ich dann los, so dass ich dann spätestens so kurz vor halb sechs mit dem Bus fahre und dann, fünfzehn Minuten später bin ich dann auf Arbeit.

So früh schon?
Ja. Ja, und dann mach ich mein Tagewerk, bis um eins, dann fahr ich wieder nach Hause, dann wird erstmal wieder die Gitarre angefasst, dann ruh ich mich erstmal bisschen aus, manchmal muss ich ja auch noch bisschen einkaufen gehen, das mach ich meistens erst, wenn es bisschen später ist; ja, natürlich wieder Kaffee; ja und dann, wenn ich dann wirklich Zeit habe, Internet an, Akkorde rausgesucht, ja, und irgendwann ist dann wieder Zeit, ins Bettchen zu gehen. Ist dann auch unterschiedlich, so spätestens gegen zehn versuch ich dann, ins Bettchen zu kommen. Ja, und am Wochenende ... wenn ich alleine.. am Wochenende irgendwo hingehe, zu Verwandten, ja dann steh ich auch meistens so um halb vier auf oder so, mach mir 'n Kaffee, mach denselben .. bloß, dann kann ich mich noch mal hinlegen. Oder ich geh gleich schon um sieben geh ich mal ins Kaufland einkaufen, Ja. Und..

Um sieben machen die schon auf?
Ja, die machen hier um sieben auf. Ich geh aber nicht Punkt sieben hin, da sind zuviel Menschen – also nicht, dass Angst vor den Menschen habe, da ist mir zu voll; ich geh so zehn nach sieben hin, manchmal muss ich noch Geld vorher holen, an die Sparkasse ran, und dann geh ich schön einkaufen, entspannt. Und denn hab ich den ganzen Tag, Freizeit kann machen. Auch, dann bin ich auch nicht mehr, dass ich dann noch mal einkaufen gehen muss oder so, deswegen mach ich’s morgens ganz gerne. Ja, hinterher kann ich mich noch mal hinlegen oder wird der Fernseher kurz eingeschaltet – bisschen Mittagsschlaf...

Machen die Menschen Ihnen noch so viel Angst wie früher?
Ehrlich gesagt, nicht mehr. Es gibt natürlich Situationen, wo ich selber jetzt irgendwie gemerkt habe, dass ich doch noch bisschen ängstlich bin, dass es nicht vorbei ist. Dass man jetzt sagt, jetzt ist man geheilt, das jetzt ist alles gut. Aber .. das wird’s wahrscheinlich immer geben. Wird auch immer unangenehme Situationen geben – dann muss ich halt durch, ne?

Bereiten Sie sich auf so was vor, wie – Beispiel – Kaufland?
Nee. Also, ich weiß ja, was ich an Produkten kaufen will. Das schon. Weiß auch, wann ich gehen will, oder verschiebe das dann wenn ich doch nicht so ganz aus dem Knick komme, wenn ich was Schönes im Internet gefunden habe, oder so kurz mal schauen, oder, aber is schon 'n Zeitplan. Nee also, auch wenn ich jetzt irgendwo hin muss, denk ich nicht mehr so viel drüber nach. Früher hab ich ja .. war ja auch schlimm – schon Wochen vorher mich verrückt gemacht, nur daran gedacht, und umso näher der Tag kam, umso schlimmer wurde es. Das war wirklich so, dass ein, zwei Tage vor irgend 'nem Termin, der, was es auch immer war, ob jetzt ‚ne Behörde, oder eben auch so ... 'ne große Feierlichkeit in einem Restaurant – umso näher der Tag kam, umso schlimmer wurde es. Mir war wirklich richtig teilweise schlecht.

Vor Angst.
Ja. Man kann sagen, vor Angst schlecht. So‘n unwohles Gefühl. Und das hat sich dann immer noch mehr verstärkt und da hat man dann schon gewusst: na ja, dann trinkste einen, und dann wirst Du es schon schaffen. Da war denn auch diese Situation: wie macht man das, wie trinkt man was? Ohne dass jemand das merkt. Hab ja ungefähr gesagt, bevor die Feierlichkeit – ne halbe Stunde vorher, hatte ich immer so‘n Zeitlimit, nicht vorher trinken, dann könnt es schon verflogen sein, sondern so ne halbe Stunde vorher, dann wirkt das, hab ich immer gesagt, zu mir selber natürlich, also musst ich mir was einfallen lassen. Dann hab ich natürlich – kannst auf Toilette, kannst trinken. Die haben sich immer gewundert, immer wenn der irgendwo kommt, muss er erstmal auf Toilette. Spaßeshalber hab ich gesagt, ich schau mir das erstmal an, dann kann ich mir ein Urteil ... Mein Restalarm. Aber das stimmt, ja nicht. Da hab ich schon einen getrunken, und dann, ja, bisschen mit Mundwasser, bisschen Pfefferminz, noch 'n kurzen Moment gewartet, und dann ganz entspannt hoch gegangen. Oder andere Situation, die Arbeit, Job-Center, gabs ja auch Toiletten, oder man hat auf dem Weg das umgefüllt in eine Wasserflasche zum Beispiel, sehr schöner Trick, so 'ne Wasserflasche und da trinkt man halt Wasser, da sagt kein Mensch was, ob man ne Schnapsflasche ansetzt, oder 'ne Bierflasche auf der Straße, schaun schon die Leute. Da wurde dann eben aus ner Wasserflasche 'n kleiner Schluck genommen, nicht viel, ja, nicht so, dass man...nur einfach so’n Schluck genommen, wie jeder normale Mensch, der Durst hat Wasser trinkt, Und dann wurde da zu dem Termin hingegangen, natürlich immer rechtzeitig, so dass das dann auch wirkt, zu dem Termin.

Was hilft Ihnen heute in sozialen Situationen? Früher haben Sie mit Alkohol sich die Angst genommen... Heute nicht. Wie kommen Sie dann damit zurecht?
Äh – Augen zu und durch. Ich muss einfach durch da. Ich muss dann einfach hingehen, das erledigen. Manchmal ergibt es auch in der Situation schon, dass man dann da ist – ich musste ja zum Beispiel 'n Ausweis, 'n neuen beantragen. Nun hatte ich den auch ein bisschen überzogen, da hab ich gedacht, ich krieg da richtig Schimpfe, Die hat mich ja schon da angeschrieben und alles – aber war gar nicht so. Und dann einfach in der Situation dann .. ja, ne Frage stellen, wie es aussieht mit 'nem Führerschein und Wechsel, ob das da auch gemacht wird. Trotzdem ich das ja eigentlich weiß, einfach so, ja, und dann...

Ist das auch Kopfsache?
Ja. Aber meistens spontan eigentlich. Den Ausweis wieder abholen, das war ja nun nicht so das Problem für mich – da war eher die Zeit ein Problem. Wenn’s so warm war, wollt ich nicht hingehen, aber dann bin ich einfach hin und dann braucht ich da bloß da rein und: Hallo, ich will mein Ausweis, meinen alten abgegeben und dann hab ich den bekommen. Früher hätt ich da was trinken müssen, bloß um so‘ne Kleinigkeiten zu erledigen. Auch wenn mir einer gesagt hätte: brauchst Du bloß rein, Deinen Ausweis hingeben, weil ich immer was Schlimmes vermutet habe, ...

Und heute denken Sie darüber gar nicht mehr so viel drüber nach, und machen einfach..
Ja, geh einfach hin, also ich mach mich auch schon nicht mehr ne Nacht vorher verrückt drüber, sag, na ja, wird schon irgendwas. Weil, oft waren ja Situationen, wo man sich wirklich verrückt gemacht hat, die sich hinterher herausgestellt haben, als total harmlos. Es gab natürlich auch Situationen, wo man gesagt hat, ja, die waren halt nicht so harmlos. Aber – oder waren eben schwieriger. Aber im Großen und Ganzen hätte man es nicht wirklich gebraucht. Und das ist wie gesagt ... hat man sich auch so antrainiert, halt. Also die Sucht ist ja ... meiner Meinung nach wird es irgendwo abgespeichert, im Gehirn, und es meldet sich dann: Hallo, Du musst da wieder hin, trink was, und – ja und man hat ja auch gespeichert, dass es erstmal hilft, 'ne? Und man kennt zwar die Folgen, aber man denkt, na ja, ich hab das im Griff, mich wird es schon nicht treffen – und dann ist es doch so.

Haben Sie die Speicherung überschrieben, oder gibt’s 'n neuen Speicher?
Da gibt’s eigentlich keinen Speicher.

Also, die alte Erinnerung, so, wie Sie’s grade beschrieben haben, das existiert schon noch?
Ja, ja, klar! Man vergisst es nicht, aber man sieht es mit anderen Augen. Man hat ... der Blickwinkel hat sich einfach verändert. Auch so, auf die ganzen Sachen. Im Endeffekt: man ist fünfzig Jahre alt, und was soll man sich noch groß aufregen? Sozusagen, ne? Solange, wie man nichts Schlimmes macht, und .. ja, kann einem eigentlich auch nichts passieren oder so... Ich geh da eigentlich jetzt immer ganz locker ran. Dass ich einfach sag – na, ja, das ist halt so, ne? Da... na, ich merk das schon dass ich in manchen Situationen auch [...], und dass ich dann halt ... so diesen Führerschein eben... zu dem Führerschein, zu dem Ausweis hingehen muss, und muss sagen, also beantragen, und weiß genau, ich hab den schon ... 'n halbes Jahr, bin ich schon drüber, die haben mich schon angeschrieben und angedroht, 'ne Strafe, da weiß man schon, dass man was falsch gemacht hat. Hat’s halt vorher nicht geschafft und ... man will aber da auch nicht diskutieren, dem erklären, dass man da das vergessen hat, dass man das vielleicht auch bisschen verdrängt hat, wie auch immer. Da rechnet man dann schon mit Schimpfe, aber im Endeffekt haben sie es nicht gemacht und – vielleicht waren sie auch froh, dass ich gekommen bin, ich weiß es nicht,....

Und dieses Gelassenere – ist das so was wie 'ne Lebensphilosophie geworden?
Ja. Einfach entspannter sehen, und, und – kann ja jetzt auch wieder das Leben genießen, ohne Alkohol. Vorher war alles abhängig vom Alkohol; Alkohol kaufen, besorgen, und heimlich das Trinken verstecken – ja, vielleicht mal vergessen, das wär ja das Schlimmste gewesen. Irgendwo in 'ne Situation zu kommen und nichts bei zu haben. Und jetzt kann ich überall hin gehen, und, na ja, ist es halt so, wie es ist. Und man merkt dann, das speichert sich auch ab. Wenn man dann merkt, ja, da ist ja nichts schlimmes, und die sind alle nett und, es macht Spaß, oder ist schön da – beim Catering jetzt, das ich ausfahre, da ist es auch so. Erstmal ist man natürlich etwas aufgeregt, da ist ... ja man hat vielleicht auch wieder bisschen Angst, was falsch zu machen, aber wenn man n paar Mal da war, dann speichert sich das ab, dann gehört es einfach zum Leben dazu und dann kommt man da eben vorbei und man weiß eben jetzt, was man tut und ... also, wann ich jetzt 'n Fehler mache, dann weiß ich auch, dass ich ... na, ja, denn bin ich mir dessen bewusst. Vorhat hat man es ja auch verdrängt oder ... von daher ist das...

Woran merkt man, dass Sie Ihr Leben genießen? Woran wird man das feststellen können?
Na ja, genießen hört sich jetzt so komisch an, als wenn ich jetzt jeden Tag am Strand liege.. Einfach ... ja, ich kann das ... bewusster, das leben. Nehme bewusster wahr. Vorher war es ja so wie in so 'nem Schleier... Hab ja manchmal zu Hause Musik gehört und hab mich da als großer Star gefühlt und ... ja, ich war eben alleine, da kann man’s natürlich machen. Hab da Luftgitarre gespielt. Jetzt üb' ich richtige Gitarre. Und das ist schon 'n großer Unterschied.

Welche Bedeutung hat die Gitarre?
Die ist so, so – die Entspannung. Der Ausgleich zur Arbeit, zu anderen Dingen. Komm nach Hause, ich hab sie jeden Tag in der Hand. Auch wenn ich noch nicht wirklich gut spielen kann, aber man

übt eben, man beschäftigt sich mit was. Ich muss mir Akkorde merken, ich muss nachforschen nach Akkorden, ja dann übt man das Greifen, Strumming, und so weiter und so fort, und da kann man sich sehr lang mit beschäftigen. Und dann gibt’s ja irgendwann 'ne Zeit, wo man nicht mehr Gitarre spielen kann wegen der Nachbarn, da muss ich dann auf meine Elektrogitarre umgreifen, mit Kopfhörer. Aber man kann sich damit richtig beschäftigen, das beruhigt einen, und man muss sich extrem konzentrieren. Also man schaltet in dem Augenblick auch so’n bisschen ab, wenn man jetzt, ja, was Trauriges oder an irgendwas Stressiges denkt – kann richtig schön abschalten dabei. Und man lernt noch was dabei und man fördert das Gehirn. Denk ich mal. Einfach – man hat Spaß dann. Is eigentlich nur Spaß. Is' jetzt nicht irgendwie, dass ich Konzerte geben will, oder irgendwas, sondern einfach so zum Spaß, zur Entspannung, 'n Hobby...

Großer Star wollen Sie nicht mehr werden?
Nee. Wenn’s sich natürlich ergeben würde, wär auch OK, aber ... Nee, einfach nur so zur Entspannung, um einfach abzuschalten – also: ist wunderbar. Kann ich jedem empfehlen. Oder ein anderes Instrument.

Sie nehmen auch Unterricht, nicht?
Ich nehm Unterricht, ja. Alle vierzehn Tage nehm ich Unterricht und .. ja viel such ich mir dann im Internet raus und ... mach viel da, in dieser Richtung. Und man sieht auch die Musik mit ganz anderen Augen. Also man .... Es sieht erst mal einfach aus, aber wenn man dann dahinter steigt, was da wirklich hinter steckt, dabei dann ... also einfach die Gitarre richtig zu spielen, Picking zu machen, und dann .. 'n Solo zu spielen – ist ja auch ne körperliche Sache, dass sich die Hand, dass die rechte Hand das eine macht und die linke das andere, Akkorde greift, also: schon spannend. Und? Ja. War immer 'n Traum von mir. Wo ich jugendlich war, so um sechzehn, vierzehn, sechzehn, so um die Zeit rum, wollt ich immer Gitarrist sein. Hatt ich nie ne Gitarre, hatt auch nicht die Chance, zum Unterricht zugehen...

Wie alt waren Sie dann, als Sie die erste Gitarre hatten?
Achtundvierzig war ich da. Natürlich weiß ich auch, dass je älter man ist, umso schwieriger wird’s natürlich, körperlich gesehen jetzt, von der Fingerfertigkeit, aber wahrscheinlich auch vom Lernvermögen auch – das ist ja egal. Kann ja noch’n paar Jahren spielen, wenn ich Glück habe Ja. Das ist so mein Tagesablauf.

Heißt aber auch, Sie sind viel alleine?
Ja, ich hab ne Nichte in Berlin, die ich ab und zu besuche. Die wohnt auch bei mir in der Nähe, aber die muss auch, wie gesagt, die müssen ja alle arbeiten. Die arbeiten auch so – jeden Tag mal anders, arbeiten im Handel, ne, Mein Bruder wohnt außerhalb von Berlin, da fahr ich zwar auch öfters mal jetzt hin – aber, ja man ist doch schon ... nach der Arbeit doch schon den größten Teil seiner Zeit alleine. Deswegen freut es mich immer wieder, auf Arbeit zu kommen.

Gibt es Kontakt zu Ihrer Ex-Frau und zu den Kindern?
Zu den Kindern – zu meinem Sohn gibt’s wieder Kontakt, zu meiner Tochter nur per Post, aber da arbeite ich dran. Und die Ex-Frau ... nicht. Ist auch nicht so schlimm. Bin da jetzt nicht nachtragend oder so, das ist ... ist halt so. Und man muss es ja auch mal positiv sehen, ... kurz nach der Trennung dacht ich ja, mein Leben ist zerstört. Hat sich bloß verändert – ob zum Guten oder zum Schlechten ... aber man hat viele neue Möglichkeiten. Rückblickend gesehen würd ich sagen: wär es immer so weiter gegangen, wär ich wahrscheinlich nicht vom Alkohol weg gekommen, wär nie Koch geworden, Gitarre hät ich schon gar nicht angefangen zu spielen, denn garantiert hätten mir einige gesagt, in Deinem Alter, so‘n Quatsch! Hieß ja immer: so‘n Quatsch, ne? Das kostet so viel Geld – ne Gitarre ist nicht teuer; und, ja, man hätte viel Dinge nicht getan. Und man hätte wahrscheinlich immer weiter unter dem Druck gelebt, der beste zu sein, oder – weiß ich nicht – was immer, wie die Leute eher einen sehen wollen, ne?

Heißt das, rückblickend würden Sie sagen, ich musste richtig abstürzen, um davon weg zu kommen?
Ja, das ist so ... das kann ich jetzt nicht hundert Prozent so sagen; also, ich wünsche keinem, dass er richtig abstürzt. Eigentlich wär es besser, wenn er vorher schon die Kurve kriegt. Also, besser wär natürlich gewesen, hätt ich in meiner Ehe schon Hilfe bekommen und hätte das Problem in Angriff nehmen können. Das wär natürlich der schönste Fall gewesen, aber ist meistens nicht so, kommt meistens anders, Und dann hilft es einem doch schon, dass man mal auch [...] – ich war ja nun schon mal ganz unten, dass man dann doch drüber nachdenkt, und sagt: jetzt musst Du was ändern. Hätte auch weiter trinken können, dann wär ich wahrscheinlich heute tot – und ... ja, man muss es jetzt ja nicht mit Gewalt... probieren.

Und wie war das damals mit den Kindern? Die haben sich von Ihnen abgewendet? Wie alt waren die? Erzählen sie mal 'n bisschen darüber...
Ja, meine Kinder waren damals 13 und 15 Jahre alt. Ja, meine Ex-Frau hatte sich - also heutige Ex-Frau - hatte sich getrennt, das kam für mich sehr überraschend, die ist auf einmal, von einem Tag auf den anderen ausgezogen und ist mit den Kindern verschwunden. Ich sollte nicht wissen, wo sie ist, und keinen Kontakt haben. Sie wollte nicht, dass ich zu denn Kindern Kontakt habe. Dann hab ich bis ... ich sag mal, 'n gutes halbes Jahr, vielleicht 'n bisschen länger gebraucht, um die Adresse herauszufinden, wo sie wohnt.. und darum ging’s, 'ne Weihnachtskarte zu schreiben. Ich hab Weihnachtskarten von den Kindern bekommen, konnte aber nie eine zurück schicken. Die Adresse sollte eigentlich geheim sein – also vom Wunsch jetzt meiner Ex-Frau, jetzt nicht offiziell, aber.. aber es gab doch Leute, die geredet haben, Und dann konnt ich da wenigstens mal 'ne Karte schicken, aber dann war so kein anderer Kontakt möglich. Und... ja, dann, wie gesagt, hatt ich auch mich um meine Mutter zu kümmern, mit meinem Bruder zusammen, die dann krank war – also, ich hab natürlich die Kinder nicht aus den Gedanken raus gekriegt oder aus den Augen verloren, oder so, waren mir auch nicht gleichgültig, aber ich hab dann natürlich da... bin dann auf neue Probleme

gekommen, oder gestoßen, wo ich mich jetzt um meine Mutter zu kümmern hatte, ja und dann haben mir meine Kinder mal ‚'n Brief geschrieben, also ich hab auch 'n Brief geschrieben, wie es mir so geht, und ... ja, dann hab ich 'n Brief zurück bekommen, was sie so machen, beruflich und so. Kurz danach kam dann noch mal 'n Brief von meinem Sohn, mit Telefonnummer, dass er wieder Kontakt wünscht und sich freuen würde, und dann hab ich natürlich gleich denselben Tag noch angerufen. Und jetzt sehen wir uns regelmäßig, heute auch wieder ... Ja, schön. Aber man merkt natürlich auch, dass man viel versäumt hat und viel verpasst hat.

Sprechen Sie darüber auch?
Ja. Und äh...

Sie erzählen von sich ganz offen? Auch Ihrem Sohn?
Ja, ja. Das meiste hat er ja mitbekommen, Und äh...

Auch den Selbstmordversuch?
Ja, darüber red ich auch, weil, das ist halt so. Das war ja damals so, dass ich zum ... äh.. Jugendamt sollte, da sollte ... meine Ex-Frau wollte das alleinige Sorgerecht. Natürlich wird der Vater auch angehört. Aber er kann schwer kommen, wenn er da in ner Unfallklinik liegt. Und da konnt ich dann natürlich nicht hingehen. Und bin auch hinterher nicht mehr hingegangen. Hab mich also nicht mehr um das Sorgerecht gekümmert, weil ich mir dachte, wenn die das da sowieso mitkriegen, Selbstmordversuch und denn auf die Art und Weise, das ist dann nicht so, dass man jetzt... ja... denn hab ich einfach, ja... war ja 2006 und hab noch ein Jahr so mit Alkohol rumgebracht, und dann hab ich ... wie gesagt, den kalten Entzug gemacht und denn... Ich fühl mich richtig wohl. Ich brauch das nicht mehr und das ist das Wichtigste. Ich kann auch bloß jedem anderen Menschen raten: Finger weg davon. Erst gar nicht anfangen am besten, ist immer leicht gesagt, weil, die Verführung ist so groß – gegen Rauchen wird so ne Riesenkampagne gemacht, aber gegen Alkohol nicht, ne? Jeder möchte mal probieren, und ... aber man sollte es dann mal zu 'ner Feierlichkeit nehmen, oder wirklich aus Genuss mal 'n Glas Wein, aber nicht, um Probleme damit wegzutrinken oder Ängste zu besiegen, das geht nach hinten los, also...

Also würden jemandem raten, der in der Situation ist, wo Sie damals waren, der heimlich trinkt, und so merkt, das stimmt nicht so ganz?
Der ist schon auf dem besten Weg dahin, wenn man nämlich weiß, dass er es eigentlich heimlich macht, dass es verkehrt ist, dann ... es gibt ja auch viele, die sagen, das ist nicht, ich komm davon weg und .. ich bin gar kein Alkoholiker und interessiert mich nicht, was andere sagen – aber wenn er schon selber weiß, dass er ... ja, sich Hilfe suchen. Wenn er Probleme hat, irgendwie die Probleme lösen. Und alleine löst man die Probleme meistens nicht, sonst hätte man ja die Probleme nicht, hätte man die schon vorher lösen können, vorm Trinken – also jemand suchen, der außerhalb

steht, vielleicht, der da eben ganz... anders rangeht. Ganz entspannt von außen rangeht. Sag ich jetzt mal so. …Den das eigentlich nicht wirklich interessiert, sag ich mal, weil es ihn nicht betrifft, der dann so reagieren kann. Wenn die Familie da mit drinne hängt, dann sieht’s auch schon wieder anders aus. Die nimmt dann auch oft Rücksicht, gut, dann trinkste heute noch mal einen, aber dann hörste nächste Woche auf – und das macht man dann ja doch nicht. Also dann einfach wirklich, dann arbeiten. Und dann Finger weg davon. Und lernen einfach, dass es eben auch ohne Alkohol so schön ist, dass man endlich mal wieder klar sieht, dass man – ja: man fühlt auch viel mehr und man belügt sich nicht mehr selber, man hat sich jahrelang selber belogen. Hat vorm Spiegel gestanden, hat gedacht, wunder wie schön man ist, oder wie cool man ist, ist man nicht. Man macht sich lächerlich, auch, wenn die anderen nichts sagen, aber wenn sie es merken, dann macht man sich lächerlich, das Wesen verändert sich halt und man ist eigentlich davon abhängig.

Es gibt dann ja immer die Angst, dass die anderen merken, dass man nicht so ist, wie man sich darstellt
Ja, das kommt dann noch hinzu, dass man, dass man Ausreden sich schon vorher überlegt, was man sagt, wenn die jetzt einen darauf ansprechen. Ist natürlich in ‚ner Situation, wo alle trinken, nicht so problematisch, als wenn man jetzt so ... ja, .. in 'ner Situation ist, wo es eigentlich gar keinen Alkohol gibt; oder Leute, die einen kennen, die eigentlich einen kennen so, ja, dass man eher schüchtern ist, und, und, ja, verschlossen, und auf einmal ist man so weltoffen, und lustig ... und ... und denn kommen noch die Augen hinzu, die auch gerötet sein können... Dann könnte man sagen, ja, man ist müde, man hat die Nacht nicht geschlafen, aber das kann man doch nicht jedes Mal erzählen, man kann auch nicht jedes Mal krank sein, angeblich, ja das sind so Sachen und dann... und wenn man hinterher drauf schaut, so rückblickend zurück schaut und ... man möchte gar keinen Film über sich selber sehen. Muss ich jetzt mal so sagen. Weil das ist garantiert nicht lustig. Auch wenn man selber viel gelacht hat und dann irgendwie lustig, man ist dann... war eher peinlich, und...

Wenn Sie jetzt mal nicht drüber zurück- sondern nach vorne blicken?
Da...

Was für Wünsche, Vorstellungen? Wie Ihr Leben in den nächsten Jahren aussieht?
Och, ja – das seh ich eigentlich ganz entspannt. Einfach.. ja, wenn’s geht, keine großen Probleme.

Gibt es Ziele?
Ja, Ziele, ja, natürlich jetzt beruflich gesehen, will ich noch mehr kochen lernen, und also, na, ich sag mal, dass man es auch wirklich lernt. Musikalisch gesehen, natürlich besser Gitarre spielen, aber sonst so, dass ich jetzt gesund bleib, das sind ja die wichtigsten Sachen. Aber dass ich jetzt irgendwie ... hab jetzt auch keine großen Reisewünsche oder...

Gibt’s 'n Wunsch nach ner Partnerschaft?
Ja, aber .... schon – das wollt ich noch mal sagen, dass ich Single bin, aber ... ja, das schon. Aber andererseits hab ich auch so‘n bisschen Angst davor, dass mich das irgendwie bremst. Ob ich dann noch so früh raus komme aus dem Bett, ob man dann, ja, wenn die Freundin dann doch weiter weg wohnt, muss ja abends noch hinfahren, und ... aber ich würde es auf mich zukommen lassen und es ist jetzt nicht so, dass ich irgendwo mit 'nem Schild stehe und dann...

Aber klingt so, als wären Sie im Moment so zufrieden, wie Ihr Leben organisiert ist?
Das – ja, ich bin zufrieden. Nicht richtig glücklich, aber zufrieden. Das ist schon... wie gesagt, ich hab ... ich kann im Moment nichts Negatives finden. Klar, Geld fehlt immer irgendwo, aber das ist auch nicht alles ... und ... ja, einfach so, dass man so schön das alles, kann seine Arbeit machen und dann Musik, man hat jetzt das Wochenende frei, dann kann man wieder schön arbeiten gehen und man hat 'ne Aufgabe, ist ja auch wichtig, man hat soziale Kontakte – man wird ja auch ganz anders wahrgenommen, innerhalb auch der Familie oder, wenn man jetzt so andere Leute trifft, wo man doch irgendwas macht, wo man in Arbeit ist, sag ich .. man braucht sich nicht mehr so schämen, irgendwie das, das ist ja auch... das ist mir schon wichtig. Ich hab mir ja, wo ich Hartz IV bezogen habe, hab ich mich auch irgendwie für geschämt. Also, ich hab’s immer versucht, irgendwie zu vermeiden, es niemanden sehen zu lassen, kleidungsmäßig oder halt auch... es ist halt doch auch immer unangenehm gewesen wenn man auch ... hat keine Arbeit. Das...

Mit der Rente, die Sie jetzt bekommen, ist das nicht so?
Nee. Die Rente, die ich jetzt bekomme, die seh ich entspannter an. Seh ich so’n bisschen wie Lohn an. Ich tu ja auch was. Es war ja auch, wie im Café gearbeitet hab und Hartz IV bezog, man konnte ja was dazu verdienen. Das hab ich auch schon wieder anders gesehen. Ich hab wirklich jeden Tag was gemacht. Also ich stand im Café, manchmal länger, wie auch Immer, hab für das Geld auch was gemacht, das ich bekommen habe. Wer mich nun bezahlt, is ja im Endeffekt mir so’n bisschen egal. Aber nichts zu tun und dann ... das war mir doch unangenehm. Und das vielleicht auch noch so raushängen zu lassen, das hab ich nicht gemacht. Hab ich auch nicht gemacht, wo ich getrunken habe. Hab auch immer ordentlich ... hab mich vorher rasiert, hab mich ordentlich angezogen. Das war jetzt nie so, dass ich irgendwie nur einfach los bin, in irgendwelchen Schlabbersachen, meinen Schnaps geholt habe oder, den Alkohol, dann hab ich mich auch schick gemacht für.

Haben die Fassade gewahrt immer.
Genau, Hab’s versucht so – gut, die werden sich gewundert haben, irgendwie läuft der bisschen komisch, aber... da wär’ nie was ... da wusst ich auch schon, dass es falsch war, dass man das auch versucht hat zu verstecken; an verschiedenen Orten eingekauft, nicht dem, der am nächsten ist, sondern immer mal da, mal da, dass das nicht so auffällt, ne? Was natürlich auf Dauer dann immer schwieriger wird. Weil man ja immer wieder bei dem einen... irgendwie kreuzt man da wieder auf, ne? Und man kann nicht jedes Mal sagen, man hat 'ne Feier. Und dann ... Aber es ist irgendwie... wie gesagt, man kommt dann nicht mehr weg, wenn’s dann erstmal körperlich ist ... dann ist das ganz schwer. Also ohne Hilfe jetzt wegzukommen, das ist ... also dann muss man wirklich sich entgiften... Gleichzeitig...

Aber lange in der Klinik waren Sie nie, oder?
Nee.

Also auch keine Gruppentherapie?
Nee.

Der eigene Wille war das Entscheidende?
Der eigene Wille war das Entscheidende. Ich hatte eh Angst davor, vor anderen, vor Gruppen und so was, das wär mir sehr unangenehm gewesen, da hätt ich wahrscheinlich schon trinken müssen um zu der Gruppe zu gehen. Ja, ich war mal bei 'ner Gruppe, ganz kurz, da hab ich dann gesagt, ja, sollte jeder so sagen, sich vorstellen, und da hab ich dann auch gesagt, dass ich ... dass mein Problem eigentlich die Gruppe ist. War ja auch so. Aber da war ich dann auch schon trocken, hab nichts mehr getrunken und konnte dann das auch einigermaßen überstehen. Aber trotzdem dann ... das hab ich nicht so gebraucht. Hab das lieber mit mir selber ausgemacht und dann ... Aber das muss auch jeder für sich entscheiden. Gibt viele Leute, die schwören drauf, die können ohne ihre Gruppe nicht ... das ... ja, der Weg ist das Ziel, das finde ich immer... Das Ziel ist das Entscheidende. Dass man eben nicht mehr trinkt. Wie man dazu kommt, ob man das jetzt über 'ne Gruppe macht, über die Familie, alleine.... Und das hat auch ‚n bisschen mit Stolz zu tun, wenn man dann halt eineinhalb Jahre nicht mehr getrunken hat. Jetzt sind’s ja... seit 2007 sind ja sechs Jahre. Wenn man sechs Jahre nicht mehr getrunken hat, will man sich das auch so einfach nicht mehr kaputt machen, .. Ja wenn man einfach mal Lust hat oder so ... wieder das alles durchleben ... und die Frage ist ja: Kriegt man die Hilfe noch mal? Irgendwann wendet sich ja auch die eigene Familie ab, die können Irgendwann nicht mehr. Die haben ja bei mir... durch dieses... grade eben die Selbstmordsituation auch sehr gelitten. Ist ja nicht sehr schön, den Bruder da qualmend in der Wohnung zu finden oder ähnliches ... Ja, das ist dann schon ... und jedes Mal wieder, ne? Aber es ist schön, wenn man dann so nach ner bestimmten Zeit zurück blickt und sagt: Ich hab jetzt genug getrunken für mein Leben und jetzt ist das neue Leben und jetzt ist eben Kaffee und Limonade 'n bisschen...

Und weniger Angst im neuen Leben..
Und weniger Angst. Und Angst wird wahrscheinlich immer dazu gehören, ... , also, wenn ich jetzt ganz ohne Angst hier durch die Stadt laufen würde, wär vielleicht auch nicht gesund. Aber man ... dass man es einfach 'n bisschen im Griff hat. Man muss immer da dran, jeden Tag 'n bisschen da dran arbeiten, man lernt das halt, ähnlich wie man eben die Akkorde lernt, bei der Musik lernt man das auch, dass man keine Angst mehr haben braucht, oder nicht so viel, oder das was man dagegen tun kann, dass man einfach dabei locker bleibt, einfach sagt: gut, egal, bin fünfzig...

Ja, das ist doch ein schönes Schlusswort. Gibt’s denn was, was Sie denken, was Sie jetzt noch nicht angesprochen haben, was Sie gerne noch erzählen würden?
Fällt mir jetzt eigentlich nichts ein. Also, aus der Vergangenheit möcht' Ich nichts erzählen. Also ich hatte 'ne schöne Kindheit. ... Oft ist ja das Vorurteil, dass es ... schwere Kindheit, Eltern Alkoholiker... meine Eltern haben sich immer um mich gekümmert, bin 1963 geboren, natürlich der Zeit entsprechend gab nicht alles, konnten einem nicht alles bieten, aber ich hatte viel Spielzeug, Das wichtigste war eben da. Liebe war da und so. Ich bin jetzt nicht so’n Fall, der jetzt irgendwie sagen könnte, ja, das liegt an meiner Kindheit. War eben als Kind schon schüchtern, muss ich sagen, aber das ist halt so. ... Und .... Ja... Hab mich eigentlich auch so immer durch’s Leben geschummelt. Früher. Kann man so sagen... Nicht geschummelt... das ist ja auch so’n bisschen abwertend, sondern so, ja, bin mitgeschwommen, hab meine Lehre beendet, hab meine... ja meine Zehn-Klassen-Schule, Realschule beendet, also ... lief schon alles, soweit eigentlich normal ... Familie gegründet, ja, Beruf gehabt ... Aber es waren eben immer die Ängste und die kamen später immer mehr. Wenn sich die Situationen heute verändern, hab ich auch Angst, dass sich ‚ne Situation verändert oder ... aber dann geh ich eben ... muss ich eben mit umgehen: Muss ich halt da durch und muss ich eben schauen, was hinterher bei rauskommt und oft ist es nicht so schlimm. Bei irgendwie Veränderungen ... irgendwas Positives. Muss jetzt nicht immer schlimm sein, kann natürlich zu Anfang vielleicht bisschen stressig sein, 'n bisschen neu – aber im Endeffekt...

Und dann haben Sie ja auch die Erfahrung gemacht, haben Sie ja berichtet dass man sich Hilfe holen kann.
Man kann sich Hilfe holen. Man muss auch mal lernen, irgendwann auch mal nein zu sagen. Wenn man jetzt in irgendeiner Situation, wo es nicht unbedingt notwendig ist.. Natürlich muss ich mir 'n neuen Ausweis holen; das ist jetzt natürlich vorgeschrieben. Aber wenn jetzt einer sagt, Du musst in dieses Restaurant jetzt reingehen... Früher bin ich da reingegangen, musste vorher was trinken – warum hab ich nicht einfach gesagt: Nein! Ich habe Angst davor, ich will das nicht rein, oder will mit euch nicht zusammen sein; ganz einfach sagen: nein, dann geh ich da nicht rein. Oder in anderen Situationen. Also ich war zweitausend... elf, glaub ich... nee, 2010 das letzte Mal im Zirkus. Jetzt möchte ich da nicht mehr hingehen. Da hab ich für mich so beschlossen. Bin bloß... so... damals wegen meiner Mutter und so einige da hingegangen. Wenn jetzt jemand kommt und sagt: Komm mit in'n Zirkus, kann ich auch jetzt nein sagen ... wenn ich es nicht möchte. Und das ist mir früher eben ... konnt ich das nicht. Wurde auch in diese Situation reingetrieben: Hat keiner verstanden, denn... warum hast Du Angst? Das kennst Du doch alles. Ja, war dann so.., dass dann doch neue Leute bei waren, dann war es ja noch schlimmer.. Und dann... einfach zu akzeptieren, dass man sagt, nein, ist mir unangenehm, das möcht ich nicht.

Konnten Sie diese Frage beantworten, warum hast Du Angst?
Ja, ich weiß nicht, woher diese Angst kommt. Das sind ja Dinge, die eigentlich schön sind. In 'ne Gaststätte eingeladen zu werden, nichts bezahlen zu müssen, den ganzen Tag zu schlemmen und vielleicht auch sich zu unterhalten, nett, ist ja eigentlich was Schönes. Für mich wars Stress. Andere haben Angst vor Spinnen – ich liebe Spinnen. Mag Spinnen einfach. Da versteh ich auch nicht, weswegen die Angst haben. Das kann man nicht erklären. Das ist einfach so ... gekommen. Hat sich vielleicht auch entwickelt, irgendwie – ich weiß nicht warum. Auch... kann auch ... man muss bloß ... viel, in der Zeit, wo ich dann nicht mehr getrunken habe war ich ja auch viel alleine ... konnt man auch viel nachdenken, so. Ist auch mal schön, mal so viel drüber nachdenken. Man grübelt zwar, nach dem Sinn des Lebens, ob man den findet oder nicht. Aber warum und wieso und was passiert einem – was soll Dir da passieren? Gibt natürlich Situationen, wo man hingehen muss, weil, da muss man eben hin, und wo man eben nein sagen kann, geht man eben hin und gewöhnt sich dann, oder man sagt halt nein. Da braucht man aber nicht irgendwas trinken oder ... So seh ich das. Ganz entspannt, also ... irgendwo, kann man dann sagen ..., irgendwo mach ich sowieso bloß, was ich möchte. Und ich wollte gerne im Café arbeiten, und hab das dann auch gemacht und dann war ich selber dran schuld, wenn ich aufgeregt war, wenn auf einmal Gäste kamen, dann war es meine eigene Schuld und dann sieht man das auch schon wieder anders und ... ich wollte das doch. Ich arbeite doch hier. Und wenn man dann da arbeitet, dann ist das auch wieder ganz anders, dann ... in ein Café zu gehen, war auf einmal... ich hab mich ja auch immer wieder im Café getroffen ... also war das... in einem anderen Café, das sind ja Kollegen, die man ... und dann hab ich’s ja selber... man konnte ja nun nicht sagen, ich geh nicht in das Café rein – wo arbeitest Du? In 'nem Café? Ist doch ein Widerspruch in sich und ... jetzt hilft das auch, ne? Aber, wie gesagt, das ... ich nehm es einfach so, wie es kommt, wichtig ist, dass man gesund bleibt, und alles andere ergibt sich auch irgendwie... Manchmal ist es... anfangs scheint es so’n bisschen ... jaaa, das ist die Situation, ist jetzt nicht wirklich meine, und hinterher sagt man: ein Glück, dass das vielleicht so war. Nicht mehr alles hinnehmen... und man denkt dann viel nach drüber, hinterher, so das Positive sehen, nicht an der Krankheit an sich, sondern einfach... dass man jetzt Dinge macht, die man vorher nicht gemacht hat. Man sagt sich manchmal, warum hab ich das nicht schon früher gemacht? Ist ja nur nicht nur das was man gemacht hat, wofür man sich zu schämen hat, sondern auch, das was man nicht gemacht hat.

Sie sind da mutiger geworden?
Ja. Und bisschen entspannter. Vielleicht ist es auch, dass man dann wirklich älter wird, dass man sagt, na ja, ... Es gibt natürlich Dinge, vor denen ich trotzdem noch Angst habe ... Krankheit oder so was, aber das ist... kann man auch nicht beeinflussen, also jedenfalls nicht immer .. Dann ist es halt so. Möchte einfach noch ein paar schöne Tage haben, und schön genießen, mit der Gitarre, schön rumkochen, das ist so mein Ziel, und alles andere, ob jetzt 'ne Urlaubsreise oder so unwichtige Dinge, oder 'n Fernseher, 'n neuer, weil meiner kaputt gegangen ist, das ergibt sich schon irgendwie kommt es ja dann doch alles zusammen. Das ist irgendwie unwichtig dann. Schön mit den Kindern zusammen sein, sie ab und zu mal sehen. Sie haben ja nun auch Arbeit und... das ist.... sehr wichtig im Alter, wenn man dann nicht mehr trinkt, dann hat sich's sowieso noch ... soweit mal...So bin ich und so wird ich bleiben.

Gut, ich danke Ihnen.
Gerne.

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